Zum Inhalt springen
Startseite » Connection Design Lab

Connection Design Lab

Forschungs- und Entwicklungsprojekt · 2025–2026

Soziale Beziehungen mit Jugendlichen sichtbar und besprechbar machen

Wie können Jugendliche über Freundschaft, Nähe, soziale Beziehungen und Einsamkeit nachdenken, ohne dass sie persönliche Erfahrungen vor einer Gruppe offenlegen müssen?

Im Connection Design Lab haben wir zunächst untersucht, wie Jugendliche soziale Orte wahrnehmen und welche Hürden zwischen einem vorhandenen Angebot und seiner tatsächlichen Nutzung liegen.

Aus diesen Workshops entstand ein gegenständlicher Werkzeugkoffer für Schule und Jugendarbeit: mit Karten, Figuren, Brettern, Situationen und Gesprächsanlässen statt App, Bildschirm oder langen Arbeitsblättern

Ein Projekt der Initiative GemEinsamkeit im Rahmen von Connected Minds. Gefördert durch die Baden-Württemberg Stiftung.

Fünf Workshops in Schulen

Acht Module im Werkzeugkoffer

Pro Modul etwa 90 Minuten

Schwerpunkt des Materials 12-17 Jahre

Das Ausgangsproblem

Warum werden vorhandene soziale Orte eigentlich nicht genutzt?

Ein vorhandenes Angebot ist noch kein genutztes Angebot.

Viele Angebote gegen Einsamkeit und mangelnde soziale Teilhabe beruhen implizit auf einer einfachen Annahme: Wenn Jugendliche wissen, dass ein Angebot existiert, werden sie es auch nutzen.

Das Connection Design Lab setzte genau bei dieser Annahme an.

In drei explorativen Schulworkshops in der Rhein-Neckar-Metropolregion haben wir untersucht, welche sozialen Orte Jugendliche kennen, wie sie diese wahrnehmen und was zwischen Bekanntheit und tatsächlicher Nutzung liegt.

Dabei zeigte sich: Fehlende Information ist nur ein Teil des Problems. Wiederkehrende Beobachtungen ließen sich zu drei Hürdenbündeln verdichten.

Zugang

Ein Angebot kann formal offen und trotzdem schwer erreichbar sein.

Kosten, Entfernung, Busverbindungen, Anmeldung, Öffnungszeiten oder benötigte Ausrüstung können aus einer theoretischen Möglichkeit eine praktische Hürde machen.

Soziales Risiko

Schon das Hineingehen kann sich riskant anfühlen.

Allein kommen, niemanden kennen, bestehende Cliquen, die Sorge, beobachtet oder bewertet zu werden – oder Konflikte mit anderen Anwesenden – können die Schwelle erheblich erhöhen.

Passung

Ein erreichbarer Ort ist noch nicht automatisch ein „Ort für mich“.

Alter, Atmosphäre, dominante Erwachsene, fehlende Rückzugsmöglichkeiten oder fehlende Unterstützung können dazu führen, dass Jugendliche einen Ort zwar nutzen könnten, aber nicht nutzen möchten.

Weniger ein reines Informationsproblem als ein Barriere- und Passungsproblem.

Ein sozialer Ort muss Wiederkommen ermöglichen

Für soziale Verbundenheit reicht es nicht, einen Ort einmal betreten zu können.

Interessant wird ein sozialer Ort dort, wo wiederholte, niedrigschwellige Begegnungen möglich werden: wenn Menschen bleiben, wiederkommen, vertrauter miteinander werden und Beziehungen Zeit bekommen, sich zu entwickeln.

In den Workshops nannten Jugendliche dafür keine spektakuläre Ausstattung. Wichtiger waren grundlegende Bedingungen: Bezahlbarkeit, soziale Sicherheit, eine angenehme Atmosphäre, passende Altersgruppen, Rückzugsmöglichkeiten und Erwachsene, die unterstützen können, ohne den Ort zu dominieren.

Ein guter sozialer Ort …

  • ist möglichst bezahlbar und niedrigschwellig,
  • fühlt sich sozial sicher und entspannt an,
  • passt zur Altersgruppe,
  • bietet Flexibilität und Rückzugsmöglichkeiten,
  • ist möglichst ganzjährig nutzbar,
  • bietet Unterstützung, ohne stark kontrolliert zu wirken.

Das Projekt hat nicht untersucht, ob diese Kriterien später tatsächlich Freundschaften entstehen lassen oder Einsamkeit reduzieren. Sie sind qualitative Gestaltungshinweise aus den Workshops.

Aus dem Forschungsworkshop wurde ein Werkzeugkoffer

Während der ersten Workshops wurde deutlich, dass nicht nur die Ergebnisse interessant waren.

Auch die Methode selbst hatte einen praktischen Wert.

Das Arbeiten mit konkreten Orten, Figuren, Karten und sichtbaren Zuordnungen machte Wahrnehmungen und Barrieren besprechbar, ohne Jugendliche unmittelbar nach persönlicher Einsamkeit fragen zu müssen.

Deshalb wurde der verbleibende Projektzeitraum genutzt, um aus dem Forschungsworkshop ein übertragbares Arbeitsmaterial für Schule und Jugendarbeit zu entwickeln.

Werkzeugkoffer Soziale Beziehungen

Material für Jugendliche über Freundschaft, Nähe und Einsamkeit

Der Werkzeugkoffer ist eine Sammlung gegenständlicher Materialien, mit denen Fachkräfte gemeinsam mit Jugendlichen über Freundschaft, soziale Netzwerke, Beziehungen und Einsamkeit arbeiten können.

Acht eigenständige Module beschäftigen sich mit dem eigenen sozialen Netzwerk, sozialer Identität, Prozessen zwischen Menschen und dem sozialen Umfeld.

Gearbeitet wird mit Karten, Brettern, Figuren, Situationen und sichtbaren Zuordnungen. Die einzelnen Module sind für ungefähr eine Doppelstunde konzipiert und können unabhängig voneinander eingesetzt werden.

Für:
Bildungs- und Jugendeinrichtungen, besonders Schulsozialarbeit

Zielgruppe:
Schwerpunkt 12 bis 17 Jahre

Dauer:
je Modul etwa 90 Minuten

Gruppen:
bis etwa 30 Jugendliche, vorzugsweise in Kleingruppen an Tischen

Material:
gegenständlich, selbst herstellbar, ohne digitale Anwendung

Von innen nach außen

Die Module folgen einer einfachen Bewegung: von den Menschen, die mir nah sind, über meine eigene Rolle in Beziehungen und das Geschehen zwischen Menschen bis zu den sozialen Orten und Strukturen um mich herum.

Die Reihenfolge ist ein Angebot, kein vorgeschriebenes Programm. Jedes Modul kann auch einzeln eingesetzt werden.

A
Meine sozialen Beziehungen

Wer gehört zu meinem Leben – und wie verändern sich Beziehungen?

B
Meine soziale Identität

Was bringe ich in Beziehungen ein – und was brauche ich?

C
Was zwischen uns passiert

Was stärkt Beziehungen, und was stört sie?

D
Mein Umfeld

Welche Orte und Bedingungen erleichtern oder erschweren Verbindung?

Die acht Module

Jedes Modul setzt an einer konkreten Frage an. Die Materialien schaffen einen Anlass zum Legen, Sortieren, Nachdenken und Sprechen.

A1 · Konvoy – Wer begleitet mich durch mein Leben?

Ein Brettspiel über Lebensphasen und die Menschen, die uns begleiten.

Jugendliche betrachten, wie soziale Beziehungen über die Zeit entstehen, bestehen bleiben oder enden können und wie sich das eigene soziale Umfeld im Lebensverlauf verändert.

A2 · Meine Leute – Wer gehört zu mir, und wie nah?

Personen werden als Figuren in konzentrischen Kreisen angeordnet.

So entsteht ein sichtbares Bild des eigenen sozialen Umfelds: Wer gehört dazu? Wer ist näher, wer weiter entfernt? Und was bedeutet Nähe eigentlich?

B1 · Ich als Freund:in – Was bringe ich ein?

Eine eigene Figur wird mit Eigenschaften, Interessen und Merkmalen ausgestattet.

Das Modul richtet den Blick nicht nur darauf, was Jugendliche von Freundschaften erwarten, sondern auch darauf, was sie selbst in Beziehungen einbringen.

B2 · Was ich brauche – Was tut mir gut, was zieht mich runter?

Moment- und Eigenschaftskarten werden eingeordnet und besprochen.

Anschließend wird die Perspektive gewechselt: Was brauche ich von anderen – und was gebe ich selbst anderen Menschen?

C1 · Verbindungen in Alltagsszenarien

Was baut Beziehungen auf, und was stört sie?

Alltagssituationen werden zunächst zu zweit und anschließend gemeinsam am Tisch betrachtet. Die Situationen schaffen Abstand zum eigenen Erleben und ermöglichen trotzdem ein Gespräch über Beziehungsdynamiken.

C2 · Kritische Szenarien

Was ist eigentlich passiert – und was habe ich selbst dazugedacht?

Das Modul betrachtet Missverständnisse, Interpretationen und schwierige Situationen zwischen Menschen. Eine zweite Frage lautet: Wie kann ich ansprechen, was mich stört, ohne die Beziehung unnötig zu gefährden?

Dieses Modul befindet sich noch in weiterer Erprobung und Überarbeitung.

D1 · Soziale Orte

Welche Orte gibt es um mich herum – und wie fühlen sie sich für unterschiedliche Menschen an?

Orte werden mit Eigenschaftskarten bewertet und auf Stadtplänen betrachtet. So werden soziale Infrastruktur, Zugangshürden und unterschiedliche Wahrnehmungen eines Ortes sichtbar.

D2 · Umfeld verändern

Was würde ich verändern, wenn ich könnte?

Jugendliche entwickeln Veränderungswünsche für ihr Umfeld und denken diese in einer einfachen Wirkungslogik weiter: Was müsste sich verändern, für wen – und was könnte daraus folgen?

Dieses Modul befindet sich noch in weiterer Überarbeitung zur Vereinfachung

Dieses Modul befindet sich noch in weiterer Erprobung und Überarbeitung.

Nicht über Einsamkeit ausfragen

Der Werkzeugkoffer soll Gespräche über soziale Beziehungen ermöglichen, ohne persönliche Selbstoffenbarung zu erzwingen.

Deshalb wird mit konkreten Menschen, Figuren, Orten und Situationen gearbeitet.

Jugendliche können etwas legen, sortieren oder verändern, bevor darüber gesprochen wird. Persönliche Erfahrungen müssen nicht unmittelbar ausgesprochen werden, und niemand muss zeigen, was auf der eigenen Karte oder dem eigenen Arbeitsbrett steht.

Verstehen statt trainieren

Der Koffer ist kein Sozialkompetenztraining.

Er soll Sprache, Strukturen und Muster sichtbar machen und Reflexion ermöglichen – nicht Jugendlichen beibringen, wie man Beziehungen „richtig“ führt.

Privatheit schützen

Persönliche Karten müssen nicht gezeigt werden.

Über Figuren, Orte und erfundene Situationen kann nachgedacht werden, ohne eigene Erfahrungen vor der Gruppe offenlegen zu müssen.

Legen, sortieren und bauen

Viele Gedanken werden zunächst gegenständlich sichtbar.

Das kann niedrigschwelliger sein als lange Schreibaufgaben und schafft einen gemeinsamen Gegenstand, über den gesprochen werden kann.

Gespräch statt Wettbewerb

Es geht nicht ums Gewinnen.

Gemeinsames Tun, Nachdenken und Gespräch tragen die Einheiten.

Was der Werkzeugkoffer leisten soll – und was nicht

Er kann …

  • Wahrnehmung für Beziehungen und soziale Muster schärfen
  • Vokabular und Gesprächsanlässe schaffen
  • Bedürfnisse, Strukturen und Barrieren sichtbar machen
  • Reflexion auch in einer einzelnen Doppelstunde ermöglichen

Er kann nicht …

  • Einsamkeit diagnostizieren oder screenen
  • Therapie oder fachliche Begleitung ersetzen
  • automatisch soziale Gelegenheiten oder Gemeinschaft herstellen
  • eine Wirkung auf Einsamkeit garantieren

Was wir bereits wissen – und was noch nicht

Der Werkzeugkoffer ist aus einem qualitativen Forschungs- und Entwicklungsprojekt entstanden. Er ist ein erster vollständiger Entwicklungsstand, kein abschließend evaluiertes Programm.

Im Sommer 2026 wurden mehrere Module mit Jugendlichen der Klassenstufen 9 und 10 erprobt.

Besonders gut funktionierten dabei die konkreteren, näher am eigenen sozialen Umfeld liegenden Übungen. Abstraktere Module zum Umfeld erwiesen sich als anspruchsvoller und wurden teilweise vereinfacht.

Außerdem zeigte sich, dass die Qualität der Durchführung erheblich von Gruppensituation und Moderation abhängt. Insbesondere die Schulsozialarbeit erscheint deshalb als naheliegender Einsatzkontext.

Wichtig für die Einordnung

Die Ergebnisse des Connection Design Labs sind qualitativ und explorativ.

Die Workshops erlauben keine Aussagen darüber, wie häufig bestimmte Barrieren bei Jugendlichen insgesamt auftreten. Sie sind nicht repräsentativ.

Ebenso wurde nicht nachgewiesen, dass der Werkzeugkoffer Einsamkeit reduziert, Freundschaften entstehen lässt oder die langfristige Nutzung sozialer Angebote erhöht.

Für solche Aussagen wäre eine weitergehende Evaluation mit einem geeigneten Untersuchungsdesign erforderlich.

Wir betrachten diese Offenheit nicht als Nebensache, sondern als Teil einer verantwortungsvollen Weiterentwicklung des Materials.

Arbeiten Sie mit Jugendlichen?

Wir möchten den Werkzeugkoffer weiter erproben und verbessern.

Besonders hilfreich sind Rückmeldungen von Schulsozialarbeit, Schulen, Jugendzentren und anderen Fachkräften, die einzelne Module praktisch einsetzen.

Uns interessiert nicht nur, was gut funktioniert. Ebenso wichtig ist, was unklar, zu kompliziert, unpassend oder im jeweiligen Setting schwierig ist.

Besonders interessieren uns Fragen wie:

  • Funktioniert der reflexive Zugang ohne klassischen Trainingsanteil?
  • Welche Module könnten noch einfacher werden?
  • Für welche Altersgruppen und Settings sind die Materialien geeignet?
  • Woran sollten wir erkennen, dass ein Modul ausreichend erprobt ist?
  • Welche Risiken oder Probleme haben wir bislang übersehen?

Materialien und Dokumentation

Abschlussbericht 2026

Der vollständige Projektbericht: Ausgangsfrage, Methodik, qualitative Ergebnisse, Entwicklung des Werkzeugkoffers, Grenzen und nächste Schritte.

Der Abschlussbericht des Projektes befindet sich in finaler Abstimmung

Werkzeugkoffer Soziale Beziehungen – Kurzbeschreibung

Vier Seiten zu Konzept, Modulen, Gestaltungsprinzipien, Entwicklungsstand und Nutzung.

Vorlagen und Handbuch

Druckvorlagen, Materialhinweise und Ablaufbeschreibungen für die einzelnen Module.

Die Druckvorlagen sind in Vorbereitung

Projektteam

Das Connection Design Lab wurde von Dr. Christian Langkamp (Initiative GemEinsamkeit), Dr. Alma-Sophia Merscher (LMU München) und Dr. Nora Becker (TU Dortmund) als Projektteam durchgeführt und von Dr. Axel Jentzsch (Bi:ber) unterstützt.

Im Zuge der Weiterentwicklung zum Werkzeugkoffer lagen Konzept und Entwicklung bei Nora Becker und Christian Langkamp. Alma-Sophia Merscher und Axel Jentzsch wirkten insbesondere an der Entwicklung des Moduls zu Sozialen Orten mit.